Begegnung der anderen Art

Aloha! Ich mag einen Text mit dir teilen, der im letzten Jahr im Anschluss an eine Begegnung entstanden ist, die mich tief erschüttert und beschenkt hat. Von Herzen, Dorina

Begegnung der anderen Art

Er lächelte mich an. Ein sanftes Lächeln aus blauen klaren Augen, die von der Ewigkeit erzählten. Schneeweiße Haare und ein schneeweißer Bart umrahmten ein zartes, verletzliches, offenes Gesicht. Meine Augen verweilten einen Moment in diesem Blick. Mein Herz lächelte zurück. Dann drehte sich mein Kopf auf die andere Seite zum Fenster. Ich spürte Freude und Weichheit in mir. Ein kurzer Kontakt. In der Straßenbahn. Mitten in Berlin.
Als ich wieder in seine Richtung schaute, lächelte sein ganzes Gesicht. Etwas ließ mich innehalten. Er setzte sich auf den Platz neben mir auf der anderen Seite des Gangs. „Es passiert so selten, wirklich gesehen zu werden.“ sagte er mit einer leisen, warmen Stimme. „Ja, das stimmt. Viel zu selten.“ „Und es ist so schön, wenn es passiert. Danke!“ Wir schauten uns immer noch an. „Da ist etwas in deinen Augen, das sagt mir, dass du weißt, dass es noch mehr gibt als das, was wir sehen, wenn du verstehst, was ich meine.“ Ich nickte. Er schien mich zu sehen. „Ja!“
Mein Herz wurde warm. Ich spürte die Kraft, die ich Gott nenne, eine liebevolle Präsenz in mir und um mich herum und schaute aus dem Fenster. Die Straßenbahn fuhr an Häusern und Autos vorbei.
„Ich habe es früher nicht geschafft, meiner Tochter Algebra beizubringen, aber mit der Zeit habe ich verstanden, dass es eine höhere Algebra gibt, die alles durchdringt, wenn du verstehst, was ich meine.“ Ich weiß nicht wie, aber es war, als wenn wir uns auf einer anderen Ebene begegneten. Seine Worte machten absolut Sinn für mich in diesem Moment. Mir fiel eine russische Heilmethode ein, von der ich vor ein paar Monaten gehört hatte, die mit Zahlencodes arbeitete.
Die Straßenbahn hatte gehalten. Die Türen öffneten sich und eine Frau mit Kinderwagen stieg ein. Ich stand auf, um ihr und dem Kinderwagen Platz zu machen. Er stand auch auf und bat mir seinen Platz an. „Bitte setzen Sie sich! Ich möchte Ihnen meinen Platz geben.“ Mir fiel auf, dass er mich jetzt siezte. „Nein, bitte, bleiben Sie sitzen! Ich steige eh an der nächsten Haltestelle aus.“ „Nein, wirklich, setzen Sie sich!“ „Setzen Sie sich!“ Ich musste lachen, sah uns für einen Moment von außen – ein kleiner, alter, zerbrechlich wirkender Mann, der einer jungen Frau seinen Platz anbot, die ihm diese Freude nicht machen wollte. Er blieb stehen und wir standen nebeneinander. Er war kleiner als ich. Ich schaute ihn weiter an. Irgendetwas in seinem Blick berührte mich mitten im Herz. Ich spürte Liebe. Meine. Seine. Zwischen uns. In mir war es ruhig und friedvoll. Tiefe Berührtheit und Traurigkeit tauchten als Gefühl auf und kurze Zeit später waren Tränen in seinen Augen. Wir waren einfach miteinander in diesem Moment. „Ich habe solche Sehnsucht, hier drin“ er zeigte auf sein Herz, „irgendwann anzukommen und nicht mehr hin- und her zu fahren ohne Ziel. Einfach zu wissen, hier ist mein Platz. Hier bleibe ich für immer, wenn du verstehst, was ich meine.“ Seine Stimme zitterte. Ich hatte das Gefühl, ich verstand. Er weinte still und ich legte meine Hand auf seine. „Ja! Du wirst dort ankommen, das weiß ich. Das Suchen wird aufhören.“ Ich strich ihm vorsichtig über den Rücken. „Danke!“ sagte er. „Ja.“ Seine Augen waren jetzt noch klarer und leuchteten in einem hellen Schein. Wir fuhren in die Station ein. „Alles Liebe!“ kam es aus meinem Herzen. Ich wollte ihm etwas da lassen. In Zeitlupe näherte sich sein Gesicht dem meinen. Die Straßenbahntüren öffneten sich. Auf meiner Wange spürte ich feuchte, sanfte Lippen, die mir einen Kuss gaben. „Alles Liebe!“ sagte er und die Türen schlossen sich hinter mir. Er winkte mir. Ich winkte zurück. Meine Hand legte sich auf mein Herz. Ich verneigte mich. Dankbar. Sein Kuss lag weich auf meinen Wangen, und es war, als wenn ich seine Lippen noch spürte. Nur Kinder gaben solche Küsse. Richtige Küsse. Unschuldig. Feucht. Klar und zart gleichzeitig. Lippen, die wirklich die Haut berührten. Und das Herz. Ich war erschüttert. Gott persönlich hatte mich geküsst. An einem Sonntagmorgen. In der Straßenbahn.

© Dorina Rosin